Wenn es anders ist, als Du denkst

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Über Wendungen: Ist eine Geschichte nicht erst dann spannend, wenn etwas passiert, was selbst der aufmerksame Leser so nicht kommen gesehen hat. Wenn eine der handelnden Figuren etwas erzählt, was die schon fertige Meinung des Lesers durcheinander bringt und ihn zwingt noch mal ein paar Seiten zurückzublättern um neu nachzudenken.

Da wäre die schöne Pilar, die ungefähr so alt ist wie ich und die mir in der Küche des Palmtree-Hostels ganz stolz vom Kindergeburtstag ihrer 13-jährigen Tochter erzählt.

Da wäre der rauhbeinige Motorradfahrer, den Philipp und ich am Ende unserer Wanderung durch die Anden kennenlernen. Der uns erst Bier ausgibt und dann von einer Reise zu erzählen beginnt, die er vor ungefähr 10 Jahren nach Ecuador gemacht hat. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er Touristen aus der ganzen Welt gesehen hat. Blonde und rothaarige; mit blauen Augen und diesen riesigen Rucksäcken. Und während er das so erzählt, und uns dabei anschaut, kullern plötzlich Tränen über sein herbes Gesicht.

Da wäre Kolumbien. Was ich als persönliches Abenteuer begreife und wo ich damit rechne die maximal drei Wochen, die ich da sein werde, jede Sekunde aufs Äußerste vorsichtig sein zu müssen. Wo ich dann aber von der Liebenswürdigkeit und der Neugier vieler Menschen hier so überwältigt bin (ganz oft endet ein Gespräch damit, dass mir eine eben noch fremde Person ihre Telefonnummer gibt, falls ich noch Fragen habe), so dass ich nach zwei Monaten immer noch hier bin und meine ganze Reiseplanung inzwischen durcheinander ist.

Und dann wäre da halt meine kleine Geschichte. Die vielleicht ein bisschen zu privat ist. Die mir aber trotzdem wichtig ist. Und die eigentlich auch nicht nur meine ist.

In einer Bar in Bogotá, Ende September 2013
Es ist der Monat der Liebe und der Freundschaft. Kolumbien ist ein so feierfreudiges Volk, dass ein Feiertag hier gern mal auf einen ganzen Monat ausgedehnt wird. Es ist Sonntag Abend und ich gehe mit Armando und seinen Freunden in seine Lieblingsbar: das Polo. Die viele Feierei hat ihre Spuren an der Dekoration hinterlassen. So hängen an den Wänden nur noch Überbleibsel der roten und weißen Ballons. Wie so oft, wenn ich hier eine Bar betrete, bin ich der einzige Blonde und werde gemustert.
Morgen will ich den Nachtbus an die Küste nehmen. Lustig war’s bei Armando. Der Soziologieprofessor hat den Witz und Charme von Dirk Bach. Und er hat sich gegenüber meinen Sprachproblemen geduldig gezeigt. Auch seine Freunde sind sympathisch. Einer hat lange in Kanada gelebt und er würde gerade lieber auf einer luxeriöseren Party feiern. Der andere ist eigentlich Sänger und Fan von Salsa, Vallenato und den anderen Latino-Rhythmen, die sie hier im Polo spielen. Er untermalt die Musik mit lautem dramatischen Mitsingen.
Ich bestelle Bier. Schon ein paar mal hatten sich meine Blicke mit den Blicken des Kellners gekreuzt. „Aguila oder Club Colombia?“ fragt er mit einem Lächeln. Mein Spanisch ist noch so ungeübt, dass ich die Frage nicht verstehe. Er wiederholt sie ruhig und mit diesem Lächeln, das mich trifft. Club Colombia sage ich. Für umgerechnet 20 Cent mehr, bekommt man statt 4,0 Promille 4,5 Promille. Geschmacklich tut sich nicht viel. Ich schaue ihm hinterher. Er bringt mir vier Flaschen, für mich und meine kolumbianischen Freunde. Ich bezahle bewusst mit einem großen Schein, damit er noch mal kommen muss, um mir das Wechselgeld zu bringen. Er bedankt sich mit verschränkten Händen, als würde er gerade den Regeln irgendeiner asiatischen Kampfsportart folgen. Er hat ein liebes Gesicht und leuchtende dunkle Augen. Das Gute an kolumbianischen Bier ist, dass man es auf Grund seiner Ähnlichkeit mit Wasser sehr schnell trinken kann. So kann ich das Spiel an diesem Abend noch oft wiederholen. Am Ende des Abends habe ich seinen Namen, seine Telefonnummer und eine Verabredung für den nächsten Tag. Miguel heißt er.

Bogotá, Apartment von Armando, 12:00 am nächsten Tag
Miguel hat weder auf meine SMS, noch auf die Skype-Nachricht reagiert. Das WLAN in Armandos Apartment ist halt auch nicht das beste. Ich bin skeptisch, ob er kommen wird.

12:15
Ich stehe am Fenster und schaue auf die Straße. Nichts. Die 16-jährige Cousine von Armando ist mit ihrem morgentlichen Musiktraining fertig und fragt mich, ob ich etwas essen gehen will.

12:40
Ich stochere in der Suppe herum. Die Bedienung bringt gerade den Hauptgang. Reis, Platanen, Fleisch und etwas Salat ohne Soße. Die Cousine fragt mich viel. Ich verstehe maximal jedes dritte Wort. Ich werde niemals Spanisch sprechen können!

13:15
Wir sind wieder im Apartment. Was mache ich nun mit diesem Tag? Ich schaue im Internet nach Flügen. Schon verrückt, dass man in Kolumbien oft billiger fliegen kann, als mit dem Bus zu fahren. Ich glaube, ich will trotzdem Bus fahren. Einfach um ein bisschen Zeit zu haben, in der nichts passiert. Ich werde jetzt packen.

14:30
Meine Sachen sind gepackt und das Bett ist abgezogen. Ich schaue noch einmal zurück in mein Zimmer. Plötzlich klingelt es. Ich gehe zum Fenster um zu schauen wer es ist. Und tatsächlich steht da Miguel. Mit so einer verrückten lila Mütze auf dem Kopf. Er lacht. ich lache auch. Armando öffnet die Tür. Zweieinhalb Stunden zu spät ist er. Der Deutsche in mir ist irgendwie empört. Der Sabbaticalist in mir freut sich. Ich überlege noch mal kurz, ob das jetzt vielleicht eine dumme Idee ist, mit ihm durch Bogotá zu ziehen. Dann schaue ich ihn an und denke mir, dass er als Kellner von Armandos Lieblingsbar irgendwie auch bekannt ist, und beschließe mit ihm zu gehen. Er zeigt mir die typischen Snacks der Stadt, seine alte Uni, ein Museum mit einer Müllausstellung, Smaragdenhändler, einen Megastore mit Raubkopien und vieles mehr. Eben das was für ihn, der immer schon hier gelebt hat, Bogotá bedeutet. Er gefällt mir und ich glaube, ich gefalle ihm auch.

Miguel ist der Grund warum es mir beim ersten mal so schwer gefallen ist, Bogotá zu verlassen und warum ich noch mal zurück gekommen bin.

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P.S. Wer immer ganz genau wissen will, wo ich gerade bin, kann mich auch gern beim Travel-Twittern verfolgen. https://www.twitter.com/sabbaticalism

Next: Eine Woche Spanisch Intensivkurs. Bitte pünktlich erscheinen! 🙂

Das Beste am Reisen sind all die unerwarteten Begegnungen. Seit meinem Sabbatical in Südamerika reise ich daher mit neuer Mission durchs Leben: "Catching Smiles around the Globe." Ach ja ... Mich und meine Lächeln gibt's auch auf meiner Facebookseite, auf Instagram auf Snapchat und als schicken kostenlosen Newsletter. ¡Hasta luego amigo!

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