So lächeln Nordlichter – auf Lächel-Suche in Schwedisch Lappland

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Mitternacht in Schwedisch Lappland. Die Sonne malt unsere Gesichter golden. Nördlich des Polarkreises ist der Sommer ein langer Tag, der nicht enden will. Unsere Reise beginnt in Granö Beckasin, einem verträumten kleinen Dorf in der Region Västerbotten. Ein Ort, an dem Stille so spannend ist, dass man nach einer Zeit alle Worte ziehen lässt, um sich ganz von dieser wohligen Ruhe füllen zu lassen.

Vielleicht spürst du sie ja in den Fotos ….

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Licht und Stille – das passte in meinem städtisch geprägten Kopf nicht zusammen. Doch mit jedem Ausatmen verabschiedet sich dieser Widerspruch und weicht einer Klarheit. Ich beginne zu verstehen, woher es kommt: Dieses sanfte Lächeln der Menschen, die mir hier begegnen.

Geschichten aus Schwedisch Lappland

Annika wurde in ihrer Heimatstadt Granö Beckasin erst zur Aktivistin und dann zur Hotel-Besitzerin

Annika wurde in ihrer Heimatstadt Granö Beckasin erst zur Aktivistin und dann zur Hotel-Besitzerin

Vor ein paar Jahren sollte die Grundschule von Granö Beckasin mangels Nachfrage geschlossen werden. Für Annika der Grund, warum sie nach 30 Jahren in Stockholm in ihre alte Heimat zurückkehren würde. Sie gewann den Protest gegen die Schulschließung und blieb schließlich ganz.

“Ich habe in Stockholm gelebt und dort für die zweitgrößte Zeitung gearbeitet. Ich habe das Stadtleben gelebt. Ich habe Stars und Politiker interviewed. Aber ich bin wieder zu Hause, weil das der Ort ist, wo ich leben möchte.” Gemeinsam mit ein paar Freunden aus ihrer Kindheit (einer von ihnen ist ein talentierter Architekt) baut sie ihr Traumhotel. “Die Leute, die aus den großen europäischen Städten hierher kommen, laufen sehr schnell und tragen viel Make Up. Nach ein paar Tagen laufen sie langsamer, sie sind relaxter und die Frauen tragen weniger Make Up. Man kann sehen, dass das Lächeln auf ihren Gesichtern wirklich aus ihrem Inneren kommt.”

Mikael ist Same

Mikael ist Same

Mikael gehört zum indigenen Volk der Samen. Lappland ist seine Heimat “Ich habe eine starke Verbindung zur Natur. Seit meiner Jugend war ich draußen mit den Rentieren, Jagen und Fischen. Als ich nach der neunten Klasse die Schule verlassen habe, begann ich Vollzeit mit den Rentieren zu arbeiten. Es ist hart heute. Alle wollen ein Auto und gutes Geld. Es ist eine schwere Entscheidung für junge Samen, denn es gibt nicht so viel Geld im Rentier-Geschäft. Du musst raus gehen, wenn es regnet und kalt ist. Es ist viel Arbeit und es gibt keinen Glamour.”

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Fotografin Thea dokumentiert unsere Reise durch die Stille

“Ich würde auf einer einsamen Insel überleben.” Als die Schwedin Thea 15 Jahre alt war, gab es in ihrer Schule einen Kurs, in dem sie praktische Überlebens-Fertigkeiten lernte, zum Beispiel ihr Essen auf einem offenen Feuer zu kochen. “Das nannte sich ‘Outdoor Life and Leaderschip’ und sie erklärten uns, wie man überlebt in jeder Umgebung und mit jedem Wetter. Selbst wenn ein Schneesturm kommt und man sich im Schnee vergraben muss.”

Gregor besitzt seinen eigenen Wald

Gregor besitzt seinen eigenen Wald

“Ich bin das Gegenteil von einem Stadtmenschen. Ich brauche sehr viel Platz und wo ich lebe, habe ich sehr viel Platz.” Gregor besitzt seinen eigenen Wald in Schwedisch Lappland. Er ist etwa 16 Hektar groß (160.000 m²), voll mit Bäumen, Sümpfen und Wiese. “Ein Teil davon war mal eine Farm, also könnte ich ein paar Schafe haben, wenn ich wöllte, was ich mir irgendwann vorstellen könnte. Im Moment bin ich da nicht so oft. Wenn du Tiere hast, musst du die ganze Zeit da sein.” Im Sommer nimmt er Touristen auf dem Floß mit über den Umeå Fluss. Im Winter arbeitet er mit Schlittenhunden in Spitzbergen. In den letzten 15 Jahren hat Gregor in Schweden, Norwegen, Kanada und Madagascar gelebt. “Ich bin eigentlich immer nur ein paar Monate an einem Ort. Ich bin keine sehr konstante Person. Bis auf den Ort, den ich besitze.”

Der schwedische Geschäftsmann Mikael

Der schwedische Geschäftsmann Mikael

“Meine Eltern waren schon Geschäftsleute. Als ich 30 war, startete ich eine Internetfirma mit einem Freund und arbeitete 15 Jahre lang die ganze Zeit. Mein Kopf dachte nur: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ich arbeitete so viel, dass ich krank wurde. Ich bin zusammengebrochen. In einem Jahr war ich neun Mal im Krankenhaus und eine Woche war der kürzeste Zeitraum. Danach dachte ich mir: das ist es nicht wert. Meine Firma war gewachsen und ich konnte sie verlassen und etwas Geld daraus nehmen. Dann überlegten mein Bruder und ich, was wir tun sollten. Wir dachten, Tourismus ist eine gute Sache, die Spaß macht, und so eröffneten wir eine Ferienanlage.”

Die Gäste von Mikael können im Wikinger-Stil übernachten.

die Gäste von Mikael können im Wikinger-Stil übernachten

Der Unternehmer bietet neben dem Camping im Wikinger-Stil auch Klettern im Hochseilgarten und Wildwasser-Rafting an. Inspiration holt er sich von den US-Amerikanern: “Im Winter fahre ich meist in die USA. Ich bin fasziniert von den Leuten. Sie wollen erfolgreich sein. In Schweden ist es nicht so gut, erfolgreich zu sein.”

Patrick mit dem Creature Craft - einer Wildwasser-Entdeckung aus USA

Patrick mit dem Creature Craft – einer Wildwasser-Entdeckung aus den USA

Seit vielen Jahren ist Patrick ein treuer Mitarbeiter von Mikael. Im letzten Dezember flog er nach Kalifornien, um die neueste Entdeckung von Mikael zu testen: Das Creature Craft. Ein Wildwasser-Spaß-Boot mit Überschlags-Faktor.

“Ich war sehr nervös. Wir sind traditionelle Rafter und wir haben unsere Wurzeln in Schweden. Sie haben geschlafen, als wir angekommen sind. Wir sind um die ganze Welt gefahren und sie haben geschlafen. Sie hatten noch nicht mal die Boote gepackt. Kurz bevor wir losfuhren, begannen sie zu rauchen. Sie fragten uns: ‘Ihr könnt gern einen mitrauchen?’ Das machte mich auch nervös.”

Künstlerin Lotta mit ihrer Holzkunst

Künstlerin Lotta mit ihrer Holzkunst

Seit über 20 Jahren arbeitet Lotta schon als Künstlerin in Schwedisch Lappland. Ihre Holz-Kunst wurde auch ausgestellt, als Umeå 2014 europäische Kulturhauptstadt war. “Holz ist so natürlich. Es lebt. Die Bäume sind tot, aber das Holz lebt immer.” Ihr ältester Baumstamm trocknete 18 Jahre und es dauerte weitere zwei Jahre, ihn zu bemalen. “Das ist mein Lebenswerk”, sagt die Schwedin.

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Ein schwedisch-deutsches Paar seit 50 Jahren

Georg und Dura sind seit 50 Jahren verheiratet. Georg kommt ursprünglich aus Köln, aber er wollte nach dem Ende des zweiten Weltkriegs nicht dort bleiben und ging stattdessen nach Schweden, wo er Lehrer wurde. Er traf Dura in der schwedischen Region ‘Gold of Lapland’, wo ihre Familie schon seit vielen Jahren zu Hause ist. Inzwischen sind beide Rentner. Die alte Bäckerei von Duras Großmutter ist jetzt Teil eines Museums und das Paar lehrt Touristen wie mich, wie man hier Tunnbröd – das weiche traditionelle schwedische Brot – backt.

Die Samin Anne mit ihrem Sohn Nikolaus

Die Samin Anne mit ihrem Sohn Nikolaus

“Du willst wissen, ob ich Rassismus erlebt habe? Ja. Vor vier Jahren wurde ihm in der Schule verboten, Samisch zu sprechen. Die Leute haben Angst, dass wir unter uns bleiben. Aber wie ist das überhaupt möglich? Wir leben hier schon so lange mit den Schweden und den Finnen und so vielen anderen Völkern. Warum sollten wir uns jetzt ausgrenzen? Wir haben ein multikulturelles Gebiet hier im Norden. Das ist nichts Neues für uns. Nichts, was wir von Stockholm, London oder irgend einer anderen Stadt lernen müssen. Ich treffe gern neue Leute und tausche mit ihnen Ideen aus. Das ist wichtig, um hier oben überleben zu können. Wir leben in einem Gebiet, wo es sehr harte Bedingungen gibt, da können wir zu niemandem ‘Nein’ sagen.”

Nikolaus will nicht Vollzeit mit Rentieren arbeiten

Nikolaus will nicht Vollzeit mit Rentieren arbeiten

“Ich würde lieber frieren, als dass mir zu heiß wird, denn ich mag es nicht zu schwitzen.” Nikolaus ist ein junger Same. “Wenn Samen um 7:30 einen Termin haben, kommen sie gegen 8:00. Ich mache nicht viel Stress. Wenn du mit Rentieren arbeitest, stresst du sie nicht, denn sonst machen sie, was sie wollen. Vollzeit will ich nicht mit Rentieren arbeiten. Ich mag  Naturwissenschaften. Ich möchte der Welt zeigen: Schaut mal, hier gibt es Samen. Ich könnte der erste samische Astronaut sein.”

Karins Lächeln hatte mich am meisten bewegt

Karins Lächeln hatte mich am meisten bewegt

Unsere schwedische Reiseleiterin Karin lächelt im Licht der Sonne, die nicht untergeht. Von all den Lächeln, die mir in Lappland begegnen, hatte mich ihres am meisten bewegt.

Karin hatte bereits vier eigene Kinder, als sie die Beziehung mit ihrem damaligen Freund beendete. “Ich wollte es ruhig angehen, doch ein Jahr nach dem ich mich trennte, bekam ich Krebs. Also musste ich die Handbremse in meinem Leben anziehen und machte für die Behandlung ein Jahr Pause. Nach diesem Jahr war ich sehr müde und plante Dinge zu tun, die mir Kraft geben. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nicht an Liebe gedacht. Ich war damals 48 und dachte: Vielleicht wirst du nie wieder jemanden treffen.

Als ich meine Kraft wieder hatte, fragte mich eine meiner Kolleginnen: ‘Möchtest du heute auf diese Party gehen?’ ‚Nein, ich habe niemanden, mit dem ich dahin gehen könnte, und normalerweise gehe ich in meiner Heimatstadt nicht aus, weil ich eh niemanden suche.’ Also sagte sie: ‘Wir können einfach ein paar Gläser Wein trinken. Sie kam zu mir und wir tranken sehr viel Wein. Wir waren sehr fröhlich, als wir ausgingen. Es war eine spaßige Nacht. Und am Ende des Abends sah ich, wie mich dieser Mann aus seinen sehr fröhlichen Augen anschaute. Er zeigte auf mich und sagte: ‘Komm her. Wer bist du?’ Die Party war kurz darauf vorbei, also fragte er: ‚Kann ich dir einen Hamburger kaufen, ich würde gern noch länger mit dir reden.‘ Es war im August in einer sehr warmen Nacht und wir saßen draußen und redeten bis 4 Uhr morgens. Ich dachte mir: Wow! Ich habe diesen Mann noch nie zuvor gesehen und er war so nett. Ich hatte meine Brille an diesem Abend nicht auf. Er zeigte Fotos von all seinen Kindern. Er hat vier Kinder und ein Bonus Kind. Ich versuchte, sie alle zu erkennen.

In dieser Nacht erfuhr ich, dass seine Frau ein Jahr zuvor an Krebs gestorben war. Ich hatte von einer Frau mit fünf Kindern gehört, die schwereren Krebs als ich hatte und die es nicht geschafft hat, und ich dachte: Wie schrecklich! Sie war erst 32. Warum habe ich es geschafft und sie nicht?’ Wenn ich gewusst hätte, dass er ihr Verlobter ist, hätte ich nicht den Mut gehabt, überhaupt mit ihm zu sprechen. Stattdessen war es so, dass wir uns wirklich verstanden. Wir kannten die selben Sorgen und wussten, was es bedeutet, so etwas erleben zu müssen. Das war erholsam.

Karen mit ihrem Verlobten Mikael in Schwedisch Lappland

Karin mit ihrem Verlobten Mikael in Schwedisch Lappland

Wir begannen auszugehen, ohne unseren Kindern davon zu erzählen, und es fühlte sich so an, als würde er mich heilen und vielleicht heilte ich ihn auch. Dann begannen wir langsam, unsere Kinder zu treffen. Wir beide lieben Kinder und wir sagten, dass es funktionieren muss und dass wir nicht nur an uns denken dürfen. Dann lief alles so entspannt. Sein jüngstes Kind war erst 8 Jahre alt. Sie liebten mich von Anfang an und ich habe nie versucht, ihre neue Mutter zu sein. Ich sagte: ‘Ich bin Karin. Ich bin eine Erwachsene und sie vermissten eine erwachsene Frau.‘ Sie sagten: ‘Unser Vater ist so gut, aber er ist keine Frau. Wir können mit ihm nicht über alles sprechen.’ Als ich meinen 50. Geburtstag hatte, brachten wir zum ersten Mal alle unsere Kinder zusammen. Wir nahmen uns ein Hotel und verbrachten dort das Wochenende. Es war ein gutes Gefühl, als wir alle zusammen saßen. Wir elf am selben Tisch an meinem 50. Geburtstag. Ich fühlte mich reich.”

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Wenn ich an Lappland zurückdenke, bleit trotz all der Schönheit eine leise Traurigkeit zurück. Denn dieses besondere Licht, was sich einfach so weigert auszugehen, das hätte ich gern mit einem besonderen Menschen geteilt. Mit Dir.

Die Reise erfolgte auf Einladung von VisitSweden. Alle Gedanken, Meinungen und Gefühle sind von mir oder von den Menschen, die für mich lächelten.

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Das Beste am Reisen sind all die unerwarteten Begegnungen. Seit meinem Sabbatical in Südamerika reise ich daher mit neuer Mission durchs Leben: "Catching Smiles around the Globe." Ach ja ... Mich und meine Lächeln gibt's auch auf meiner Facebookseite, auf Instagram auf Snapchat und als schicken kostenlosen Newsletter. ¡Hasta luego amigo!

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was für eine tolle Geschichte. Das besondere Licht des nördlichen Sommers scheint die Menschen zu öffnen und lässt dem ehrlichen Gefühl Raum.

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