Ja, Mexiko Stadt ist gefährlich, aber …

Mexiko Stadt gefährlich?

Ist Mexiko Stadt nun gefährlich? Die meisten Deutschen, die noch nie da waren und fleißig Nachrichten konsumieren, werden das mit einem klaren „Ja!“ beantworten. Die Deutschen, die in Mexiko waren und sich in Land und Leute verliebt haben, werden anders antworten. Ungefähr so: „Natürlich musst du vorsichtig sein, aber das muss man ja überall. In (beliebige europäische Stadt einsetzen) kannst du genauso ausgeraubt werden. Ich war (beliebige Zeit einsetzen) in Mexiko Stadt und mir ist nie etwas passiert.“ Doch einige dieser Deutschen werden über ihre Antwort länger nachdenken müssen. Nämlich dann, wenn doch etwas passiert. So wie bei mir.

Was Dir in Mexiko Stadt gefährlich werden kann

Es waren die letzten Tage meiner Mexiko-Reise an deren Anfang und Ende Mexiko Stadt lag. Im Vergleich zu Rio de Janeiro in Brasilien oder Bogotá in Kolumbien, hatte ich mich hier immer sicher gefühlt. Es ging soweit, dass ich am helllichten Tag mein Smartphone in der Öffentlichkeit benutzen würde. Die Mexikaner machten das schließlich auch so. Sechs Monate in Südamerika hatte ich unbeschadet überstanden. Ich war mir sicher inzwischen gefährliche Situationen frühzeitig erkennen zu können und die wichtigsten Sicherheitsregeln im Schlaf zu beherrschen:

Aniko hatte geschrieben, dass ihr Ehemann und ihre Arbeitskollegin im Gerangel der Metro von Mexiko Stadt beklaut wurden. Etwas Geld und ein Ausweis wurden erbeutet. Kurz darauf versuche ich zur Rush Hour Metro zu fahren. Ich trage meine Wertsachen sicher im Brustsack vor mir. Meine Hand ist um das Smartphone in meiner Hosentasche geklammert. Die Massen quetschen sich durch die schmale U-Bahn-Tür. Eine andere Hand versucht sich an meine zu hängen. Sie zieht. Ich drücke dagegen. Beide nutzen wir unsere Kraft. Ich quetsche mich erfolgreich hinein in die Bahn. Die Hand lässt ab. Glück gehabt! (Merke: Wenn sich’s irgendwie vermeiden lässt, nicht zwischen 17:00 und 19:00 in der drittbevölkertsten Stadt dieser Erde Metro fahren!)

Kollege Daniel erzählte mir von einem versuchten Portemonnaie-Klau in einem Klub in Mexiko Stadt. Bei meinem Klub-Besuch in der Zona Rosa bekomme ich ein Corona serviert. Es schmeckt nur nicht nach Corona. Der Kellner hatte mir gerade eine frische Flasche gebracht und ich hatte diese auch nicht unbeaufsichtigt gelassen. Wir verlassen den Klub. Man soll sein Glück nicht herausfordern…

Das was mir in Mexiko Stadt zum Verhängnis werden sollte, wird mich nicht physisch angreifen. Ganz freiwillig und mit gutem Gewissen werde ich mich meinem Angreifer ausliefern.

Gib Acht vor Reverend Floyd King aus Chicago!

vorm Ángel de la Independencia in Mexiko Stadt

Ángel de la Independencia

In der Nähe des Ángel de la Independecia, Mexiko Stadt,
Die Sonne ist gerade untergegangen. Ich blättere auf meinem Smartphone durch die Fotos des Tages. Da spricht mich ein großer kräftiger Mann an. “Can you help me?” Ich mustere ihn und stecke das Smartphone vorsichtshalber wieder weg. “Nobody wants to help me. It’s probably because of my color.” Das macht mich betroffen. Der Mann ist Amerikaner mit dunkler Hautfarbe. Er stellt sich mir als Reverend Floyd King von der First Baptist Church of Chicago vor. “Do you speak Spanish?”, fragt er mich weiter, da er einen Übersetzer benötigt. Ich bejahe mit etwas Stolz. Er beginnt seine Geschichte zu erzählen. Reverend Floyd King befindet sich mit seiner Frau und seinen vier Kindern im Mexiko-Urlaub. Sie waren auf der Rückreise im Bus von Cancun nach Mexiko Stadt. Dabei mussten sie den Bus wechseln. Anders als in “America” wurde das Gepäck nicht automatisch durchgecheckt und landete daher wieder in Cancun. Inklusive des Insulins, welches seine Frau als Diebetikerin aber dringend benötigt. Reverend Floyd King war schon bei der amerikanischen Botschaft, aber die meinten, dass er sein Gepäck persönlich im über 1500 Kilometer entfernten Cancun identifizieren müsse. “Do you know if there is some sort of travel aid?” Ich weiß nicht, ob es so etwas wie eine “Reisehilfe” gibt, aber in meiner Vorstellung erscheint es mir sinnvoll. Er schlägt vor, dass wir in einem der umliegenden Hotels fragen und bittet mich zu übersetzen. Natürlich willige ich ein. Ich freue mich etwas Gutes tun zu können.

Wir laufen durch die Calle Amberes, die größte Party-Straße der Zona Rosa, dem Schwulen-Viertel von Mexiko Stadt. Wir passieren wilde Klubs und ein paar Sex-Shops. “Are you religious?” fragt mich der Reverend. Ich verneine, aber das scheint heute in Ordnung zu sein. “You are a very good person! Thank you for helping me.” wiederholt er immer mal wieder. Um sein Handgelenk trägt er eine protzig wirkende Uhr, die er versucht unter den Ärmeln seines Anzugs zu verbergen. Was für eine skurrile Situation. Gleich will ich ihn um ein Foto bitten. Dann hab ich eine grandiose Geschichte für meinen Blog.

Wir betreten ein schickes Hotel. Ich übersetze seine Geschichte für die Rezeptionistin. (Im Nachhinein bin ich mir fast sicher, dass sie auch Englisch gesprochen hätte, aber in diesem Moment fühlte es sich gut an gebraucht zu werden). Eine “Reisehilfe” gibt es nicht, aber sie könnte uns helfen die Busgesellschaft zu kontaktieren. “That’s not gonna work.” meint der Reverend fast ein bisschen zu bestimmt. Genau das hätte er schon bei der Botschaft probiert. Das Einzige, was um diese Zeit noch helfen könnte, wäre eine First Baptist Church irgendwo in Mexiko Stadt. Die Rezeptionistin und ich beginnen zu googeln. Ohne zufriedenstellendes Ergebnis. Es gibt zwar Kirchen für Baptisten, aber laut dem Reverend muss es eben eine First Baptist Church sein. Wir bedanken uns und verlassen das Hotel.

Zurück auf der Straße kommt ihm die Erkenntnis. Seine einzige Chance ist es mit der Familie einen Bus nach Cancun zu nehmen. Geld hat er nur leider auch nicht mehr. “I send you the money as soon as I’m back in Chicago.“ Die gesamte Fahrt für alle kostet fast 10.000 Pesos. „I can leave you my watch and my wedding ring as a deposit.” Ich überprüfe mit meinem Smartphone, wieviel Euro das wären. Viel zu viel! “If you could give me half of it, it would help me a lot.” Auch die Hälfte sind immer noch über 200 €. “Ich kenne sie gar nicht.”, wende ich ein. Er wirkt resigniert. Gibt mir das Gefühl ihn enttäuscht zu haben. Ich zweifle. Kann diese Geschichte wirklich wahr sein? Ich möchte, dass sie wahr ist. Ich stelle mir vor, wie ich ihn eines Tages in Chicago wieder treffe. Er will mich in seinen Gottesdienst einladen. “Kann ich ein Foto von Ihnen machen?” frage ich. Er sagt, dass er das aus religiösen Gründen nicht darf. Aber wenn es mich überzeugen würde, wäre er bereit. “If that’s what the Lord wants me to do.” Ich mache kein Foto. Facebook hat er auch nicht. Auch aus religiösen Gründen. Ich überlege noch kurz, aber irgendwie fühlt es sich gut an ihm zu helfen.

Die wertvolle Uhr von Reverend Floyd King

Die wertvolle (?) Uhr von Reverend Floyd King

Ich drücke dem Reverend über 4.000 mexikanische Pesos in die Hand, die ich gerade frisch aus dem Geldautomaten geholt habe. Dafür gibt er mir seine Uhr, mit der er vor kurzem noch in der Karibik tauchen war. Auf den Ehering verzichte ich. Wir tauschen Kontaktdaten damit wir uns Geld und Uhr später zuschicken können. Wenn ich darauf bestehe, würde er mir auch noch die E-Mail-Adresse seiner ältesten Tochter geben. Die hat sie eigentlich nur, damit ihr von der Schule Hausaufgaben zugeschickt werden können. Ich verzichte. “Thank you for respecting our religion.” Ich fühle mich gut. Reverend Floyd King ist tief gerührt. “I know you’re not religious. Is it okay, if I pray to thank the Lord?” Ich stimme zu. Er greift meinen Arm, senkt den Kopf und geht vor mir in die Knie. “Dear Lord in heaven, thank you for sending me this young man. …” Als er am Ende des Gebets den Kopf hebt, fließen Tränen aus den Augen des kräftigen Mannes. Ich bin bewegt. Als ich diesen Abend ins Hostel zurückkehre, bin ich mir sicher etwas wirklich Gutes getan zu haben.

Wenn dir etwas Gefährliches passiert ist…

Es dauert ein paar Tage, bevor ich auf die Idee komme auf meinem allwissenden Smartphone nach “Reverend Floyd King” zu suchen. Direkt das erste Ergebnis führt zu einem Forumseintrag von 2013, wo ein Nutzer die genau gleiche Geschichte erzählt. Er fragt nach den Kontaktdaten des Reverends, denn die Nummer, die er bekommen hatte, war nicht mehr verbunden. Es gehe ihm auch gar nicht um das Geld. Hauptsache der Reverend sei gut in Cancun angekommen.

reverend-floyd-king-yahoo

Ein weiteres Opfer von Reverend Floyd King

Oh Mann! Wie konnte ich nur so naiv sein? Und dann ändert er noch nicht mal seinen Namen.

Plötzlich ist da eine Traurigkeit, in die sich eine Angst mischt: Was, wenn ich jetzt auf Reisen nie wieder so unbeschwert auf Leute zugehen kann?

Und wie beantworte ich dir lieber Leser nun die Frage, ob Mexiko Stadt gefährlich ist. Berufs-Blogger Patrick ist beispielsweise heil durch Mexiko gekommen. Statistisch ist es wahrscheinlicher, dass dir nichts passiert, als dass dir etwas passiert. Aber du fragst dich gerade etwas anderes? Wärst du auch auf Reverend Floyd King hereingefallen? Und wenn nicht, wärst du dann vielleicht an der übergriffigen Hand in der Metro oder dem Corona mit dem komischen Geschmack gescheitert?   

Sollte man die Wunder Mexikos doch lieber mit einer organisierten deutschen Bustour besichtigen? Und vorsichtshalber nicht mit so vielen Fremden sprechen? Ja, muss man denn überhaupt nach Mexiko Stadt fahren?

Dieser Blog filtert sie so gerne heraus. Die Geschichten, die Unangenehmes zeigen. Ich male euch eine schöne kuschelige Welt mit 7 Milliarden Freunden. Nur hat diese Welt eben auch häßliche Farben. Ich weiß. Aber wäre es Mexiko Stadt gegenüber fair diese Geschichte jetzt violett enden zu lassen? 


Es gibt etwas, was ich schon im Kindergarten über das Malen gelernt habe: Wenn man zu lange mit düsteren Farben malt, fällt es schwer wieder etwas Helles zu malen. Dann muss man zum Waschbecken gehen, den Wasserbecher ausspülen und frisches Wasser nachfüllen.

hier also meine Antwort für dich:

Ja, Mexiko Stadt ist gefährlich, …

Wenn du Mexiko Stadt bereist, solltest du vorsichtig und nicht zu gutgläubig sein. Dabei wünsche ich dir, die feinen Übergänge wahrnehmen zu können.

Dann, wenn deine schöne Weltoffenheit in unschöne Naivität kippt.

Aber auch dann, wenn sich deine schöne Vorsicht in häßliche Angst verfärbt.

Denn, Ja! Mexiko Stadt ist gefährlich, …

Aber…

mit zuviel Angst droht eine andere Gefahr. Denn wahrscheinlich würden sie nicht für dich lächeln und dir nicht ihre Geschichten erzählen: Die 99,9% der Einheimischen, denen du hättest vertrauen können.

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Geschrieben von Gutgório ¿ und Gregório Jones

Und, wann fährst du nach Mexiko Stadt?

Das Beste am Reisen sind all die unerwarteten Begegnungen. Seit meinem Sabbatical in Südamerika reise ich daher mit neuer Mission durchs Leben: "Catching Smiles around the Globe." Ach ja ... Mich und meine Lächeln gibt's auch auf meiner Facebookseite, auf Instagram auf Snapchat und als schicken kostenlosen Newsletter. ¡Hasta luego amigo!

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Danke fürs Mitfühlen und Kommentieren. Die Geschichte passiert mir zumindest nicht noch mal. Worauf muss man denn bei unheiligen Heiligen achten?

      P.S.: Kompliment auch für deinen schönen Fernweh-Blog

  1. Negative Erfahrungen dieser Art tun weh, sie bilden Narben auf unserer Seele und niemand, der aufgeschlossen der Welt begegnet, kann Ihnen entgehen. Wiegt man aber das „gesammelte Lächeln“ dagegen auf — was soll`s.

  2. Klassiker. Hatte ich in abgewandelter Form am Ostbahnhof, ein anderer Freund an der Friedrichstraße. Das Ärgerliche an der Masche ist tatsächlich die Beschädigung der Hilfsbereitschaft, die dadurch verursacht wird. Wenn mal wirklich einer mit einer unglaublichen Geschichte in der Patsche sitzt, haben solche Reverends bereits verbrannte Erde hinterlassen.

    P.S.: Ich finde Lila gar nicht düster 😉

    • Hola Konsti, die Reverends dieser Welt können einem echt den Spaß am hilfsbereit sein nehmen. Aber so lange du dich immer noch zur Friedrichsstraße und zum Ostbahnhof wagst, haben sie nicht komplett gewonnen 🙂

      P.S. Und mit den Farben ist das so eine Sache. Jede hat ihre helleren und düsteren Zwischentöne. Kommt auf die Perspektive an 😉

  3. Ach menno, das ist echt ärgerlich! Was für eine dreiste Masche… aber vermutlich wäre ich auch darauf reingefallen. :-/ Aber wie du schon sagst, meistens überwiegen doch die positiven Erlebnisse! Kopf hoch und Schwamm drüber.
    Mir ist bisher *klopfaufHolz* noch nix schlimmes passiert auf Reisen, aber hier in Südamerika ist diese Gefahr irgendwie omnipräsent, das ist echt schade. In Rio konnte ich nie so richtig entspannt die Stadt erkunden – nachdem ich so viele krasse Stories gehört und gelesen hatte, erwartete ich irgendwie an jeder Ecke einen Überfall…

    • Ja, das ist echt ärgerlich in Rio. Und trotzdem bleibt es für mich die schönste Stadt der Welt. Ich wünsche dir noch eine gute und (sichere) Zeit in Südamerika und freu mich aufs Wiedersehen in meiner alten Wahlheimat Miami.

  4. Schwamm drüber! 😉
    Ich wurde im sicheren Australien drei mal beklaut: einmal das Auto meiner Mitfahrgelegenheit aufgebrochen, einmal nachts ins Zimmer eingestiegen (und das war nicht etwa leer) und dann einmal im Club zu unachtsam gewesen.
    Ärgerlich, aber es hätte schlimmer kommen können, z.B. dass er mit dem Handy mit all den Fotos der Reise abhaut :O

  5. Ach Gregorio! Was für ne blöde Geschichte, ich bin mir sicher, dass ich darauf reingefallen wäre, dafür bin ich auch ein bisschen zu naiv und hilfsbereit 🙁

    Mir hat im Iran mal ein Holländer 100€ gegeben, als ich ohne Geld dastand (im Iran können Ausländer kein Geld abheben, auch WesternUnion etc. gibt es nicht). Wenn er mir nicht vertraut hätte, wäre ich komplett aufgeschmissen gewesen…

    Aber du hast genau die richtige Einstellung – wer mit zu viel Angst durch’s Leben geht, verpasst das Schönste 😉

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