Der einzige weiße Tourist

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Der Sand an der kolumbianischen Pazifikküste ist dunkel. Die Haut der Menschen hier auch. Afrokolumbianer ist der korrekte Begriff für die Einheimischen. Eine Gruppe Dorfjungs spielt am anderen Ende des Strandes Fußball. So weit von mir entfernt, dass das Meeresrauschen die Spielgeräusche übertönt. Vor ein paar Jahren war das hier eine Region, die für den Kokain-Handel wichtig war, weswegen Tourismus hier nicht möglich war. Inzwischen ist die Sicherheitslage stabil und fast alle Regionen dieser anderen kolumbianischen Küste sind jetzt bereisbar. Auch die gängigen Reiseführer haben sich der idyllischen Küste geöffnet. La Barra, das Dorf in dem ich mich gerade befinde, hat es noch nicht in meinen Reiseführer geschafft. Ich bin an diesem Novembertag tatsächlich der einzige weiße Tourist in diesem Dorf. Und obwohl die Kulisse malerisch ist, fühle ich mich doch ein kleines bisschen einsam.

Doch wie bin ich überhaupt hierher gekommen? Ich will mal zur Abwechslung von vorn beginnen.

carolina
2 Tage vorher, in einem Fischrestaurant in Cali.
Es gibt Meeresfrüchte mit … Kokossoße. Die ganz große Portion. „Lecker!“ Dass ich dieses Adjektiv mal im Zusammenhang mit typischem kolumbianischen Essen sagen würde, hätte ich auch nicht mehr geglaubt. Die raffinierten deutschen Soßen sind genau das, was mir hier am meisten fehlt, aber diese Kokossoße ist der Hit. Carolina ist mit mir und ihren weiteren zwei Gästen aus Israel in dieses Fischrestaurant gegangen. Sie ist eine Freundin einer Freundin von Doña Patricia und auf Grund dieser Verbindung kann ich gerade bei ihr wohnen. (Inzwischen ist sie auch eine Freundin von mir geworden) Caleñas heißen die Frauen aus Cali und Caro ist eine waschechte Caleña. Mit Arbeit, Joga, Tanz, den beiden israelischen Jungs und mir ist sie gerade ganz gut ausgelastet. „Genau so schmeckt das Essen an der Küste“, sagt sie. Wiklich? Damit gibt es nun keine Zweifel mehr, dass ich an die an die kolumbianische Pazifikküste fahren werde. Eine Feinschmeckerreise wird das.

Der lange Weg zur kolumbianischen Pazifikküste

vor 10 Stunden, am Busbahnhof in Cali,
Ich soll früh aufstehen, damit ich die erste Fähre von Buenaventura nehmen kann. Das Meer ist um die Zeit noch ruhig und da mir auf Booten schnell schlecht wird, ist das vielleicht nicht verkehrt. Aber 4:30 aufstehen war schon hart. Jetzt schnell noch Geld abheben. In Kolumbien erinnert Geld abheben ein bisschen an das Zocken an einer Slot-Maschine in Las Vegas. Man muss schnell sein, versteht die Regeln nicht wirklich und oft geht man leer aus. Immerhin 300 Pesos (ca. 100 €) erspiele ich. Das muss für die Reise reichen. Im Zweifel zahle ich halt mit Karte.

vor 6 Stunden, am Bootssteg in Buenaventura
Ich hätte mal am Busbahnhof noch was essen sollen. Von den Kokoskügelchen, die mir die Frau mit den stechenden kaffeebraunen Augen verkauft hat, werde ich bestimmt nicht satt. Sonst habe ich aber alles wie beschrieben gemacht. Habe auch einen 5-Liter-Kanister Wasser und ein paar Kekse gekauft. Carolina war so lieb mir einen Zettel mit ein paar wichtigen Infos zu schreiben: Anreiseweg, Sehenswürdigkeiten, Hostel-Adresse und kulinarische Highlights. Alles was sonst der Reiseführer leisten muss.

vor 5 Stunden, im Boot
Das soll Wasser unter uns sein? Es fühlt sich so an, als würde das Boot gerade versuchen einen Zementweg zu überqueren. Zum Glück hab ich meine Reisetabletten genommen. Ärgerlich, dass mir die Kokoskugeln beim letzten Aufschlagen des Bootes aus der Tasche gekullert sind. Und ärgerlich, dass diese Bootsfaht so teuer war. Ich werde halt das Hostel mit Karte bezahlen.

vor 4 ein halb Stunden, in Juanchaco
„Du kannst dir mit uns ein Taxi teilen oder den Bus nach Ladrilleros nehmen,“ das freundliche Pärchen aus Bogotá zeigt auf einen Traktor, der hier als Bus genutzt wird und in unregelmäßigen Abständen die beiden Dörfer verbindet. Die Wahl fällt mir leicht und so fahren wir kurz darauf über die Sandstraßen nach Ladrilleros.

vor viereinviertel Stunden, zwischen Ladrilleros und La Barra, auf einem Motorrad,
Platsch! Es ist das zweite Mal dass ich von dem Mototaxi absteigen musste. Und das dritte Mal dass ich mit vollem Gepäck und diesem leidigen 5 Liter-Kanister auf der schlammigen Straße ausgerutscht bin. Carolinas Zettel hatte mich darauf hingewiesen, dass zwischen Ladrilleros und La Barra nur Motorräder fahren. Wenn man den Weg so anschaut, ist auch klar warum. Dass ich dafür vielleicht meine Wanderschuhe mit Profil hätte anziehen sollen, stand leider nicht auf meinem Zettel.

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vor dreieinhalb Stunden in La Barra
Das war heftig. Nach dieser Anreise ist mir auch klar, warum mein Reiseführer diesen Ort nicht listet. Yolanda empfängt mich herzlich. Sie versucht zu ignorieren, dass ich von oben bis unten mit vielfarbigem Schlamm besudelt bin. Yolanda ist eine Freundin einer Freundin von Carolina. Die Joga-Connection. Sie ist auch Caleña und vermietet hier seit einigen Jahren ein Ferienhaus. Das Haus ist für sechs Leute ausgelegt. Da aber gerade der Dienstag nach dem Brückentag (in Kolumbien werden alle Feiertage pauschal auf einen Montag gelegt, damit die Leute auch wirklich frei haben) ist, bin ich gerade der einzige Gast. Und da ich eben ein Freund einer Freundin einer Freundin bin, bekomme ich einen Wahnsinnspreis. Nur mit Karte bezahlen kann man leider nicht. Der einzige Geldautomat steht in Juanchaco.

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vor einer halben Stunde, auf meiner Veranda,
So ausgeschlafen, sieht die Welt doch ganz anders aus. Auf meiner Veranda gibt es eine Hängematte zum Entspannen. Vor meinem Haus ist ein kleiner Sandweg – die „Hauptstraße“ – auf der ein paar Kinder spielen. Und ungefähr 50 Meter entfernt ist das Meer. Nur komisch, dass mich keiner der Dorfbewohner überhaupt wahrnimmt. Der einzige, der bisher mit mir gesprochen hat, wollte mir direkt eine Flasche Schnapps verkaufen. Ich werde mal zum Strand gehen. Vielleicht sind da ja noch andere Touristen

Koka…?

Der Sand an der kolumbianischen Pazifikküste ist dunkel. Die … Ok! Hier hatte ich angefangen.
Bereits zweimal war ich allein im Wasser planschen. Und da ich leider „Puntito y Anton“ in Cali gelassen habe, habe ich auch keine Reiselektüre. Ich liege auf meinem Badetuch knabbere ein paar Kekse. Bei meinem knappen Reisebudget werd ich mir die wohl einteilen müssen. Plötzlich nähert sich ein Gruppe Kleinkinder. (Kennt ihr den Film Madagascar? Und kennt ihr diese Pinguine, die niedlich schauen, aber grimmige Absichten haben? Falls nicht, kurz dieses Video gucken. Ach … und kennt ihr das Gefühl, wenn man von unten zu jemandem heraufschaut, dass dieser dann so übermächtig wirkt?) „Dame un Galleta! Dame otra!“ „Gib mir einen Keks! Gib mir noch einen!“ Ich schaue herauf zu fünf gierigen Pinguinen … Kindern im Alter zwischen fünf und sieben. Da sie mich etwas einschüchtern, verteile ich fleißig Kekse. Dabei versuche ich ihnen pädagogisch zumindest ein „Gracias“ zu entlocken. Da fragt mich der kleinste von ihnen plötzlich mit schelmigem Blick: „Koka..?“ Ich bin entsetzt. Hier werden also niedliche Kinder als Kokain-Verkäufer für westliche Touristen eingesetzt. Ich ignoriere die Frage. Als die Packung leer ist, ziehen die Pinguine … Kinder wieder ab. Nur einer bleibt. Daniel heißt er. Er ist sieben und er hat ein lustiges Kinderlachen. Ich beschließe jetzt meine unglückliche Perspektive zu verlassen und stehe auf. „¡Grandisimo!“ „Riesig!“ jauchzt er. Von oben sieht die Welt ganz anders aus. Wir spielen Fanger und Stockwerfen. Seine Cousine, die möglicherweise auf ihn aufpassen soll, ist mit ihrem Smartphone beschäftigt. Mit dem Stock malt er perfekte geometrische Formen in den dunklen Sand. Und er ist so schnell, dass er kleine Krebse fangen kann. Wir beschließen, uns auch am nächsten Tag wieder zum Spielen zu treffen.

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Abends,
Auf dem Zettel stand eine Empfehlung für das Restaurant von Doña Ola. Meeresfrüchte wurden heute leider nicht frisch gefangen. Dafür haben die Fischer einen leckeren Fisch an Land gezogen. „Mit Kokossoße bitte“ sage ich in freudiger Erwartung. Und sie lächelt zurück, wohl wissend, dass sie hier weit und breit die besten Soßen zaubern kann. „Und zum Trinken?“ „Biche“ sage ich ohne zu Zögern. Das stand auf meinem Zettel als Empfehlung für ein typisches Getränk der Küste. Ihr Lächeln wechselt kurz in einen Zweifel-Modus, dann nickt sie schließlich.

Während ich auf mein Essen warte gesellt sich Yeisson zu mir. Ob er einen Schluck Biche haben kann? Ich hatte so eben festgestellt, dass dieses Getränk, welches mir Carolina empfohlen hat und welches hier in einer unschuldigen kleinen Wasserflasche verkauft wird, tatsächlich Schnapps mit 70% Alkoholanteil ist. Ich schaue den Jungen an und frage wie alt er ist. „18“ sagt er stolz. Hmmm… Links von mir tapst ein zweijähriger durch das Restaurant, der versucht mit einem Brotschmiermesser ein Stück Pappmaschee zu zerteilen.

Das Essen war tatsächlich verdammt lecker. Und Yeisson hat sich angeboten mir morgen eine der Sehenswürdigkeiten per Boot zu zeigen. Die Malgares – ein Piscina, was auf Spanisch so viel wie Schwimmbad heißt. Jedenfalls ist es eine der Sehenswürdigkeiten auf meinem Zettel. Und Yolanda hat gemeint, dass ich hier einfach mit den Leuten vor Ort Touren machen soll.

Tag 2, mittags
ich habe mir im Laden an der Ecke eine Seife für einen halben Euro gekauft und bin gerade dabei meine Hose vom Schlamm zu befreien. Da kommt Gustavo vorbei um mich zu meinem Tagesausflug ins Piscina abzuholen. Yeisson konnte wohl kein Boot für die Tour organisiern und Gustavo hat einen Einbaum, den sein Großvater vor Jahrzehnten gebaut hat. Yolanda wohnt im Nachbarhaus. Sie schaut vom Balkon und mustert den Jungen. Sie fragt ihn wer seine Eltern sind. Dann überlegt sie kurz und bestätigt schließlich, dass er ein guter Junge ist. Wir können also eine Tour machen. Zu meiner Sicherheit packe ich noch die Flasche Biche und Kekse ein.

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im Piscina,
Piscinas sind Süßwasserbecken im Dschungel, in denen man baden kann. Gustavo und ich sind allein. Er isst meine Kekse. Alkohol mag er nicht. Ich plansche im Piscina. Meine Sachen habe ich am Beckenrand neben seiner Machete abgestellt. Wir plaudern. Er ist mit seinen 18 Jahren kein Meister der Konversation, aber seine Aussprache ist verständlich und für ein kleines Gespräch reicht es. Gefährlich sei es hier nicht. Theoretisch gibt es zwar auch Tiger, aber er hat noch nie welche gesehen und außerdem sind sie nachtaktiv. Eine Freundin hat er nicht und die Parties in Ladrilleros sind besser als in La Barra. Dafür erzählen die Leute in Ladrilleros oft schlechte Dinge über La Barra, die nicht stimmen. Ich will gar nicht wissen, was das für Dinge sind, aber vielleicht sind das ja die Gründe warum La Barra noch nicht in meinem Reiseführer steht. „Hast Du schon Kokada probiert?“ fragt er plötzlich. (Moment mal! Da war doch eine Extra-Silbe an Koka… dran. KokaDA statt KokaIN) Ich frage Gustavo was eigentlich Kokada ist? „Kleine mit Panela (Zuckerrohr) vermischte Kokoskugeln, die in die Blätter der Koka-Pflanze eingewickelt sind. Die kleinen Kinder verkaufen sie hier“

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Abends bei Doña Ola,
Die Sonne geht gerade unter. Sonnenuntergänge am Pazifik sind besonders malerisch. Doña Ola amüsiert sich köstlich, als ich ihr mein Mißverständnis bezüglich Kokada erzähle. Auch die anderen Gäste in ihrem Restaurant sind von der Geschichte amüsiert. Heute serviert sie mir einen frisch gefangenen Krebs, und sie erklärt mir wie ich diesen mit dem Stein, der als Besteck daneben liegt, am besten zerlege. Da kommt mein Kumpel Daniel vorbei und setzt sich ganz selbstverständlich neben mich. Ein paar andere Jungs haben ihn geärgert und er braucht etwas Aufmunterung. Ich scherze, dass er von all den Keksen schon ein kleines Dickerchen – ein „Gordito“ – geworden ist. Sein Kinderlachen ist wieder perfekt. Ich frage Yeisson, der irgendwie immer in meiner Nähe ist, ob er mir Kokada organisieren kann. Und wenige Sekunden später, halte ich eine Tüte mit diesen Süßigkeiten in der Hand. Die sind nur für Daniel – meinen neuen besten Freund an der kolumbianischen Pazifikküste.

HAPPY END

P.S. Wenn ihr Happy Ends mögt, dürft ihr dieses sehr gern an eure Freunde weiterleiten.

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Über Happy Ends

Das schöne daran, wenn man die eigenen Erinnerungen in eine Geschichte packt, ist die Möglichkeit die Geschichte an der Stelle enden zu lassen, wo sie am schönsten ist. Nun ist es im wahren Leben – im Gegensatz zur Welt der Geschichten – oft so, dass nach dem Happy End noch Sachen passieren, die vielleicht nicht ganz so schön sind. Mir persönlich gefällt dieses Ende hier am besten. Aber es gibt sicher auch ein paar neugierige Leser, die ganz genau wissen wollen, was noch an der Pazifikküste passiert ist. Und daher schlage ich einen Kompromiss vor: Ich verstecke das alternative Ende dieser Geschichte einfach in den Tiefen des Internets hinter diesem Link. Und wer sich dieses schöne Ende nicht von der Realität kaputt machen lassen will, geht einfach mit Freunden Stollen essen und Glühwein trinken.

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Das Beste am Reisen sind all die unerwarteten Begegnungen. Seit meinem Sabbatical in Südamerika reise ich daher mit neuer Mission durchs Leben: „Catching Smiles around the Globe.“ Ach ja … Mich und meine Lächeln gibt’s auch auf meiner Facebookseite, auf Instagram auf Snapchat und als schicken kostenlosen Newsletter. ¡Hasta luego amigo!

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das „Happy End“ ist spätestens seit den Märchen der Kindheit tief in uns verankert, also gönne es uns doch – und streue weiter die leuchtenden Kieselsteine, damit die die Dir folgen, nicht vom Weg abkommen.

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