Blumenau: Vom verlorenen Lächeln am Ende des Sabbaticals

„Heimat“ ein Bier gebraut in Blumenau, Brasilien

Warum musste ich zwei Wochen vor der Rückkehr nach Deutschland noch den deutschesten Ort Brasiliens besuchen?

Eine Geschichte über die Zeit in Blumenau…

… in melancholischem Violett.

„Heimat“ ein Bier gebraut in Blumenau, Brasilien

„Heimat“ – ein Bier gebraut in Blumenau, Brasilien

im meinem kargen Einzelzimmer im „Hotel Herrmann“ in Blumenau, Brasilien,
Es ist 7:50. Ich ziehe mir das Kopfkissen vors Gesicht. Seit Stunden liege ich wach und checke immer wieder die Uhrzeit auf meinem Handy. Bis 9 gibt es Frühstück. Ich will so lange wie möglich liegen bleiben. In zwei Wochen geht mein Flieger zurück nach Deutschland. Mein  Sabbatical ist dann vorbei. Ich werde dann ganz einfach in mein altes Leben zurückkehren. Ganz einfach … Diese Gewissheit lässt mich gerade nicht schlafen.   

Es ist 7:59. Seit fast einer Woche bin ich nun schon in Blumenau. Eigentlich wollte ich nur einen Tag bleiben. Dann weiter nach Curitiba, um von dort mit einer romantischen alten Eisenbahn die malerische Strecke bis an die Küste nach Paranaguá zu fahren. Dann noch ein bisschen auf der Ilha do Mel (Honig-Insel) chillen, um schließlich zum krönenden Abschluss die größte Party der Welt – den Karneval in Rio – zu feiern. Aber ich will nicht mehr. Ich habe sie verloren: die Lust am Reisen.

Endstation „Hotel Herrmann“?

Endstation „Hotel Herrmann“?

Blumenau ist perfekt für einen Nachmittag

Fachwerkhäuser unter Palmen

Fachwerkhäuser unter Palmen

Ein paar Tage früher im historischen Stadtzentrum von Blumenau,
Ich mache Fotos von Fachwerkhäusern unter Palmen. Erst heute morgen bin ich mit dem Nachtbus angekommen. Ich habe ein Taxi ins Hotel Herrmann genommen. (Mein einer Opa hieß auch Herrmann) Dann habe ich noch schnell eine neue Geschichte für mein Blog veröffentlicht. Das Hotel-WLAN ist überraschend gut. Danach kurz geschlafen und jetzt bin ich frisch geduscht auf Entdeckungstour. Ich besuche das Informationszentrum über Herrmann Blumenau. Der deutsche Apotheker hat die Stadt 1850 gegründet. Ich lese ein paar Texttafeln. Das meiste vergesse ich direkt wieder. Ein Bier-Museum besuche ich auch noch.  Biere haben hier so klangvolle Namen wie „Schornstein“, „Bierland“ oder „Heimat“. Mir ist bewusst, dass das für deutsche Touristen, wie mich, witzig sein sollte.

Auf einer Parkbank unterhält sich ein älterer Deutscher mit einem älterem Einheimischen auf Deutsch. Sie bemerken, dass ich sie belausche und so werde ich zum Teil des Gesprächs. Der ältere Deutsche ist Schwabe, lebt aber inzwischen in Kanada. Er besitzt dort Land. Seine Kinder haben zwei Staatsbürgerschaften. Die Brasilienreise macht er mit seiner Frau. Sie sind auf der Suche nach Deutschland in der Fremde. Wie ich wahrscheinlich auch. Das Deutsch des Einheimischen ist so schlecht, dass wir mit ihm nicht über höfliche Floskeln hinaus kommen. Es ist ihm ein bisschen unangenehm. Der Schwabe hatte sich von Blumenau mehr erhofft. Kaum einer spricht hier noch wirklich Deutsch. Drei Tage ist er nun schon hier. „Ein Nachmittag hätte völlig gereicht.“  In Blumenau soll es das größte Oktoberfest außerhalb von Deutschland geben. „Ein Schmarn“ sagt er. „In Kanada gibt es ein viel größeres.“

Mister Oliver (Jones)

„Prost“ schallt es fröhlich von der anderen Ecke des Platzes. Das fröhliche Prosten wird mit einem herzlichen Grinsen begleitet. Ein weiterer Deutsch-Sprecher ist auf uns aufmerksam geworden. Oliver aus Wien. Mitte Dreißig. Es ist seine erste Woche in Brasilien. Er will hier seine Masterarbeit fertig schreiben. Sein Fach ist Deutsch als Fremdsprache. Er lädt mich auf ein brasilianisches Malzbier ein. Er findet es total schräg, am anderen Ende der Welt ein Malzbier zu trinken. Ich stelle mal wieder fest, dass mir Malzbier nicht schmeckt.

der abenteuerlustige Oliver (Jones) aus Wien.

der abenteuerlustige Oliver (Jones) aus Wien.

Abgesehen von den paar Fachwerkhäusern ist Blumenau wirklich keine schöne Stadt. Wir laufen gemeinsam Richtung Oktoberfestgelände – der Hauptattraktion von Blumenau. Obwohl ich eine dieser kostenlosen Touri-Stadtpläne dabei habe, verlaufen wir uns. Oliver fragt eine schöne Brasilianerin nach dem Weg. Seine Portugiesisch ist gut und er hat sichtlich Spaß dabei es endlich wieder zu sprechen. Die schöne Brasilianerin kann Wege schlecht erklären und so begleitet sie uns ein Stück und plaudert angeregt mit Oliver. Ich werde nie wirklich Portugiesisch sprechen können.

Es ist Nebensaison auf dem Oktoberfestgelände. Wir finden mühelos ein Plätzchen in der Bier Vila. „Zwei Schweinshaxen bitte!“ Man kann hier auf Deutsch bestellen. Zur Haxn werden fritierte Kartoffeln, Rotkraut, Sauerkraut und verschiedene Soßen kredenzt. Aber das ist nicht das Highlight: Auch die Haxn sind hier fritiert. „Den Deutschen Gästen schmeckt unsere Haxe besser“ verkündet der stolze Kellner. Ich bin mir da nicht ganz so sicher.

Fritierte Schweinshaxe mit Soßen

Fritierte Schweinshaxe mit Soßen

Interessanter Tag. Und ohne Blumenau beleidigen zu wollen: Aber vielleicht hätte dieser eine nette Tag in der Nebensaison voll und ganz gereicht…

Vom verlorenen Lächeln

Immer noch in diesem Hotelbett im Hotel Herrmann,
Es ist jetzt 8:33. Ich wünschte die Zeit bis zum Frühstück würde ewig dauern. Eigentlich wollte ich ja noch diese Geschichte schreiben. Diese eine Geschichte über Rio. Ich hatte damit begonnen Freunde von mir in Geschichten auftauchen zu lassen, um sicher zu gehen, dass diese auch gelesen werden. Und dieses Mal hatte ich mir Leute ausgesucht, deren Auftritt ganz sicher Wellen schlagen würde. Vielleicht wäre das ja mein Durchbruch als erfolgreicher Reiseblogger?

8:35 Ich werde meine Geschichten nicht zu Ende erzählen können. Kein Schwein wird sich für Reisegeschichten in einem Blog interessieren, wenn der Reisende schon wieder zu Hause ist.

8:37 Müsste ich nicht langsam schon ein erfolgreicher Reiseblogger sein? Mit viel mehr Facebook-Fans, mehr Likes und noch mehr Kommentaren?

8:38 Ich habe das Schönste des Sabbaticals wieder verloren: Meine Freude am Schreiben.

8:39 Ich kann die Sonne nicht länger ignorieren.

8:40. Ich stehe auf. Schnell Zähne putzen. Ungeduscht zum Frühstück.

Der traurige alte Hotel-Rezeptionist grummelt vor sich hin. Die Köchin schenkt noch einmal O-Saft nach und beachtet mich nicht. Das Frühstück hier ist solide. Ich habe zwar keinen Appetit, aber auch keine Lust bald schon wieder in die Stadt zu müssen, um mir was zu kaufen.

„Einen wunderschönen guten Morgen“ Oliver lächelt sich durch das Frühstücksbüffet. Ich schlürfe meinen Kaffe. Er trinkt diesen bitteren Mate-Tee, den auch die Argentinier so lieben. Mist! Ich habe die Butter vergessen. Aber jetzt steh ich nicht noch mal auf. Ich spreche mit Oliver über die Zukunft. Er glaubt, dass er nach der  Masterarbeit hier irgendwo als Deutschlehrer arbeiten kann. Ich schaue ihn mitleidig an. Da kommt die Köchin an unseren Tisch. Sie hat ein breites Lächeln auf den Lippen. „Sua agua quente “ „Ihr heißes Wasser“ sagt sie herzlich. „Obrigado“ „Danke“ lächelt er und gießt das heiße Wasser in seinen Mate-Tee.

Oliver ist glücklich.

Ein Geschichte, geschrieben vom melancholischen Gastautor Gramgorius ¿

Blumenau

Blumenau

P.S.: Es gab noch etwas, das dem Aufenthalt in Blumenau Sinn geben sollte: Das kleine Dörfchen Pomerode, nur wenige Kilometer von Blumenau entfernt. Und zwar nicht, weil ich dort etwas besonderes entdecken würde. Nein. Ich würde etwas besonderes entdecken, weil ich dort war. Aber dazu später mehr … (Noch zwei Erinnerungen an Südamerika bis zum Finale)

P.P.S.: Jetzt – über ein Jahr später – ist Oliver übrigens immer noch in Brasilien. Und auf Facebook postet er immer noch Fotos von brasilianischem Malzbier. 😉

Das Beste am Reisen sind all die unerwarteten Begegnungen. Seit meinem Sabbatical in Südamerika reise ich daher mit neuer Mission durchs Leben: "Catching Smiles around the Globe." Ach ja ... Mich und meine Lächeln gibt's auch auf meiner Facebookseite, auf Instagram auf Snapchat und als schicken kostenlosen Newsletter. ¡Hasta luego amigo!

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht!
    Heute wäre mein erster Arbeitstag nach meinem Sabbatical gewesen. Ich wage mir nicht vorzustellen wie diese Tatsache sich auf meine letzten Wochen ausgewirkt hätte, wenn ich diesen nun wirklich antreten müsste.

    LG
    Judith

  2. Road Trip Tag 8 – New Braunfels (3. Januar 2005)

    In vielerlei Hinsicht ist Texas das „Bayern“ Amerikas. Und so wundert es uns nicht, dass wir in dieser deutschen Enklave im Westernstyle auch prompt auf Bayern stoßen. Eine pfundige Mutter mit ihrem quirligen Kind. Wir holen pflichtbewusst Besichtigungstipps ein. Der kleine Quengler brabbelt etwas Unverständliches. Die Bayerin übersetzt: „Besonders gut haben uns die Pyramiden in Galveston gefallen!“ Wir beschließen uns nicht weiter deprimieren zu lassen und dokumentieren das Notwendigste in New Braunfels – unter anderem die Schlitterbahn: ein für Amerikaner unaussprechliches Badeparadies

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